Alexander Friedmann

Anstiftende Taten nach dem Trauma

Für Alexander Friedmann war Transkulturelle Psychiatrie mehr als eine Wissenschaft

von Klaus Commer

Mit der Gesellschaft für Transkulturelle Psychiatrie in den deutschsprachigen Ländern wollte Alexander Friedmann die Auseinandersetzung mit posttraumatischen Belastungsstörungen in ganz Europa voranbringen. Daran arbeiten die, die er angesteckt und angestiftet hat.

Es ist plötzlich zu spät für ein eingehendes Gespräch mit Alexander Friedmann.

Sein unerwarteter Tod am 30. März (2008) verhindert die Begegnung, die ich mir im vergangenen Herbst bei einem flüchtigen Besuch des ersten deutschsprachigen Kongresses für Transkulturelle Psychiatrie in Witten vorgenommen hatte.

Das ist spannend, also ist es nicht so eilig, hatte ich mir gesagt. Der Mann, der mir ein neues Fachgebiet erschlossen hatte, musste vorzeitig zum Flugzeug. Aber er war bis zur letzten Minute anwesend. Nun ist er – mitten in der Vorbereitung des Anschlusskongresses in Wien – für immer abgereist. Freunde, Familie und Kollegen begreifen, dass er nicht nur mal eben den Raum verlassen hat, dass er nicht zurückkommt. Telefonate und Mails sprechen das Verhängnis aus. In den folgenden Tagen wird das Wort „unfassbar“ ein falsches Pathos bekommen und in den Nachrufen zu Patina gerinnen.

So wie das Leben als Tabelle schrumpft: 1967 Abitur am Lycée Français von Wien, 1977 Promotion und 1984 Facharzt für Psychiatrie, 1988 Lektor, 1990 Assistenzprofessor und Initiator eines sozialpsychiatrischen Zentrums, 1994 Leiter und Lehrender der Spezialambulanz für Transkulturelle Psychiatrie und Migrationsbedingte Psychische Störungen und Gründer des Vereins ESRA, 1998 Initiator eines Berufsbildungszentrums mit Lehrwerkstatt… 1995 und 2000 werden ihm Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich und des Landes Wien verliehen.

Den lebendigen Alexander Friedmann finde ich in einer Reflektion wieder, die er am 21. Januar 2008 für die Website der World Psychiatric Association verfasst hat (http://www.wpa- tps.org/Friedmann-A.htm). Hier antwortet er mir auf Fragen, die ich noch nicht gestellt habe. Friedmann berichtet, dass seine Eltern als österreichische Bürger in Czernowitz aufwuchsen, der blühenden Hauptstadt der Bukovina. Die dortige Jüdische Gemeinde setzte sich teils aus chassidisch-orthodoxen Juden und teils aus hoch emanzipierten und assimilierten Juden zusammen. Religiös seit 1882 gleichberechtigt, waren die Juden loyale Bürger von Österreich-Ungarn.

Mit der Kapitulation im Ersten Weltkrieg zerfiel das Kaiserreich; die Eltern wurden Rumänen, heirateten 1942 in Bukarest. Wenig später waren sie Opfer der rumänischen Faschisten. Die Mutter, als Kommunistin verfolgt und als Jüdin verhasst, kam in ein KZ. Sie überlebte dank der Hilfe ihres Ehemannes, der in den Untergrund ging und Nazi-Opfer mit falschen Papieren versorgte. 1948 ist ihr Kind Alexander in Bukarest geboren. Die Eltern haben den Holocaust überlebt, sie fürchten nun das stalinistische Rumänien und fliehen zu den zionistischen Familienangehörigen, die schon seit Jahren in Palästina sind. Doch im neuen Israel findet die traumatisierte Mutter und das kränkliche Kind keine Ruhe und Kraft. 1952 gehen sie nach Wien.

In der Schule mischen sich für Alexander französische, deutsche und österreichische Kultur. Zuhaus ist er schlicht Jude mit einer Migrationsgeschichte und Schulzeit, die ihn sechs Sprachen gelehrt haben. In Österreich, so schildert es Friedmann, sind diese fünfziger Jahre für Juden kein Paradies. Antisemitismus lebt weiter, die Selbstauslieferung Österreichs an Hitlers Deutsches Reich wird verdrängt bis hin zur Geschichtslüge, Österreich sei das erste Opfer der Nazis geworden. Mit 16 Jahren wird Alexander 1964 als Teilnehmer einer Demonstration gegen Neonazis arrestiert: „Mir war unbegreiflich, wie es möglich war, dass junge Österreicher die historische Realität des 2. Weltkriegs leugnen und überzeugt sein konnten, dass der Holocaust niemals stattgefunden habe.“

Im Rückblick glaubt Friedmann, dass an diesem Tag seine Entscheidung gereift ist für ein Studium, mit dem er Menschen und ihre psychologischen Wurzeln verstehen will. Unmittelbar bestimmt wird seine Berufsentscheidung 1967 von den Spannungen vor dem Sechs-Tage-Krieg. Noch in der gleichen Woche geht er, direkt nach der Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium in Wien, nach Israel. Zehn Jahre wird er immer wieder in den Sommerferien als Landarbeiter arbeiten, zuletzt Nomaden in einer Ambulanz der Negev Wüste versorgen. Dann konzentriert sich der junge Doktor in Wien auf seine Facharztausbildung, die sich an den Fragen der sozialen und kulturellen Psychiatrie ausrichtet.

Transkulturelle Psychiatrie ist so eng mit seinem eigenen Leben, mit den Erfahrungen der Familie und seines jüdischen Volkes verknüpft, dass er dieses Fachgebiet nicht nur akademisch erarbeitet. In der Psychiatrischen Abteilung der Uni-Klinik kann er als Assistenzprofessor ein Ambulatorium einrichten, in dem Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen Hilfe finden. Friedmann: „Heute, viele Jahre später, bin ich überzeugt, dass Menschen, auch wenn sie sich kulturell unterscheiden, sich psychologisch sehr ähneln. Sie reagieren auf und leiden unter dem gleichen Krankheitstyp und den gleichen qualvollen Lebenserfahrungen, aber sie äußern sich über ihre Bedrängnis mit verschiedenen Sprachen und Körpersymptomen.“ Die Jüdische Gemeinde von Wien erschließt sich Friedmann ebenfalls mit einer wechselvollen Geschichte. Als erster Jude ist im 11. Jahrhundert ein Münzpräger erwähnt, der ermordet wird. In neun Jahrhunderten wechseln Toleranz und Wertschätzung mit Verfolgung und Vertreibung. Vor dem Anschluss an Hitlers Reich leben 200.000 Juden in Österreich, darunter angesehene Schriftsteller wie Schnitzler und Zweig, Ärzte wie Freud und Adler, Musiker wie Mahler und Schönberg. Wer nach 1945 überlebt hatte und zurückkehrt, findet sein früheres Eigentum geplündert und arisiert. Einige tausend Opfer, die den Todeslagern entkamen, sind „deplazierte Personen“, traumatisiert, krank, wurzellos und depressiv. 1970 waren 85 Prozent der in Wien lebenden Juden außerhalb Österreichs geboren. 92 Prozent der nach 1945 Geborenen hatten ausländische Eltern, viele kamen aus den Kämpfen 1956 in Ungarn, 1967 in Polen, 1968 in der Tschechoslowakei, zu erschöpft, um ihr Ziel Israel oder USA erreichen zu können.

Ab 1972 folgt eine neue Welle von Immigranten aus den asiatischen Sowjetrepubliken – Tadschiken, Usbeken, Juden aus dem Kaukasus. Sie sprechen kein Deutsch, ihre beruflichen Fertigkeiten sind in Österreich nicht gefragt. Friedmann erlebt, wie diese meist sephardischen Menschen bei vielen Ashkenasen nicht willkommen sind: „Anfangs hat die Jüdische Gemeinde diese neuen Einwanderer isoliert und zurückgewiesen. Sie imitierte das fremdenfeindliche Verhalten der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung. Aber einige Jahre später erschrak man über die Straffälligkeit einer bedeutenden Zahl von Jugendlichen, die zu dieser Immigrantengruppe zählten und in Drogengebrauch und Kriminalität abgerutscht waren.“ Die Wiener Gemeinde entscheidet sich zu helfen.

Dr. Friedmann lernt solche gestrauchelten Jugendlichen auch in seinem Ambulatorium kennen. Die meisten hatten weder Geld noch eine Krankenversicherung. Der junge Arzt gründet eine Union jüdischer Berufskollegen, die er bewegen kann, die Betroffenen auch gratis zu behandeln. „Mit dieser Initiative wurde ich eingebunden in die sozialen Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde, die ich bis dahin nur als repräsentative und religiöse Organisation wahrgenommen hatte.“ Naheliegenderweise wird der ebenso ideenreiche wie hilfsbereite Mensch Friedmann in Leitungsfunktionen der Wiener Gemeinde gewählt. Er sieht es als Aufgabe, den Immigranten zuerst ihren Platz in der Jüdischen Gemeinde und dann in der österreichischen Gesellschaft zu verschaffen. In der Gemeinde entwickelt man Hilfsangebote für die deutschsprachige Bildung, die berufliche Integration, die Versorgung mit Wohnraum. Friedmann berichtet, wo auch die Kommune gewonnen werden konnte, um den Neuankömmlingen demokratische Rechte und Mitwirkung einzuräumen, erste Erfahrung in gelebter Demokratie. 1982 wird der Bau einer Synagoge in sefardischer Tradition begonnen. Eine Schule folgt. Im eigenen Umfeld initiiert Friedmann wenig später das interdisziplinäre Ambulatorium ESRA für Einwanderer aus der Sowjetunion und für traumatisierte Überlebende des Holocaust.

„Diese Klinik hat heute 1400 Patienten pro Jahr,“ resümiert der Gründer und berichtet dann von der Berufsbildungsschule, die in neun Jahren schon 2500 Absolventen gezählt hat, junge Leute, die besser gegen Schulversagen, soziale Turbulenzen und Arbeitslosigkeit geschützt sind. Friedmanns Fazit: „Im Jahr 2007 ist die Jüdische Gemeinde auf 7500 Mitglieder gewachsen. Sie unterhält jetzt drei Schulen, das Berufsbildungszentrum, zwei Sportclubs und vier soziale Einrichtungen für die früheren Einwanderer, die selbst auch eine Kunstschule eingerichtet haben.“ Nicht ohne Stolz erwähnt er seine staatlichen Auszeichnungen, um zu ergänzen: „Mein eigener Maßstab ist die Tatsache, dass es praktisch keine Arbeitslosigkeit und keine Kriminalität bei den Mitgliedern unserer Gemeinde gibt und dass Psychologische Barrieren unter Kontrolle gebracht sind.“ Da wundert es kaum, dass der Assistenzprofessor in den letzten Jahren den Blick auf neue Problembereiche richtet. Auch Asylsuchende aus Ex-Jugoslawien, der früheren Sowjetunion, aus den Krisen- und Kriegsgebieten des Mittleren und Nahen Ostens brauchen Spezialisten für Psychotraumatologie.

Mit der Gesellschaft für Transkulturelle Psychiatrie in den deutschsprachigen Ländern wollte Friedmann die Auseinandersetzung mit posttraumatischen Belastungsstörungen in ganz Europa voranbringen. Daran arbeiten die, die er angesteckt und angestiftet hat.

2008-04-16 © Klaus Commer, Autor der Jüdischen Zeitung, Berlin